Kaum eine Frage begegnet mir in der Schwangerschaft häufiger als diese:
„Darf ich Paracetamol überhaupt einnehmen?"
Viele werdende Mütter haben gehört, dass Paracetamol möglicherweise mit einem erhöhten Risiko für ADHS oder Autismus beim Kind in Verbindung gebracht wird. Entsprechend groß ist oft die Unsicherheit – selbst dann, wenn starke Schmerzen oder hohes Fieber behandelt werden müssten.
Eine neue, sehr große wissenschaftliche Untersuchung liefert nun weitere wichtige Erkenntnisse und ordnet frühere Studien besser ein.
Paracetamol gehört weltweit zu den am häufigsten eingesetzten Schmerzmitteln während der Schwangerschaft.
In den vergangenen Jahren berichteten einige Beobachtungsstudien über einen möglichen Zusammenhang zwischen einer Einnahme während der Schwangerschaft und späteren neurologischen Entwicklungsstörungen wie:
Diese Ergebnisse sorgten verständlicherweise für große Verunsicherung.
Allerdings gilt: Ein statistischer Zusammenhang bedeutet noch nicht automatisch, dass ein Medikament tatsächlich die Ursache ist.
In einer der bislang größten Untersuchungen wurden über zwei Millionen Schwangerschaften ausgewertet.
Zunächst bestätigten sich auch hier die bekannten Beobachtungen: Kinder von Frauen mit häufiger Paracetamol-Einnahme schienen etwas häufiger an ADHS oder einer Autismus-Spektrum-Störung zu erkranken.
Doch anschließend betrachteten die Forschenden Familien mit mehreren Geschwistern genauer.
Dabei wurde verglichen, ob sich Geschwister unterschieden, wenn nur während einer Schwangerschaft Paracetamol eingenommen wurde.
Das Ergebnis war bemerkenswert:
Nach Berücksichtigung familiärer Einflüsse ließ sich kein eindeutiger Zusammenhang zwischen Paracetamol und ADHS oder Autismus mehr nachweisen.
Ein wichtiger Punkt ist die sogenannte Verwechslung von Ursache und Begleitfaktoren.
Frauen nehmen Paracetamol nicht ohne Grund ein. Häufig bestehen während der Schwangerschaft:
Auch diese Erkrankungen selbst können die Schwangerschaft beeinflussen.
Hinzu kommen weitere Faktoren wie:
Genau diese Einflüsse lassen sich in klassischen Beobachtungsstudien oft nur unvollständig berücksichtigen.
Nein.
Auch wenn die neue Studie beruhigende Ergebnisse liefert, gilt weiterhin: Kein Medikament sollte während der Schwangerschaft ohne medizinische Notwendigkeit eingenommen werden. Das betrifft auch Paracetamol.
Grundsätzlich sollte immer gelten:
Manchmal ist die Sorge vor Medikamenten größer als die Sorge vor der eigentlichen Erkrankung.
Dabei können beispielsweise:
ebenfalls Auswirkungen auf Mutter und Kind haben.
Deshalb muss immer individuell abgewogen werden, ob eine Behandlung sinnvoll ist.
Nach aktuellem medizinischem Kenntnisstand gilt Paracetamol weiterhin als das Schmerzmittel der ersten Wahl während der Schwangerschaft, wenn eine medikamentöse Behandlung notwendig ist.
Das bedeutet jedoch nicht, dass jede Beschwerde sofort mit Medikamenten behandelt werden sollte.
Zunächst sollte immer geprüft werden:
Die aktuelle Studienlage ist insgesamt beruhigend. Sie spricht dafür, dass viele der früher vermuteten Zusammenhänge zwischen Paracetamol und neurologischen Entwicklungsstörungen wahrscheinlich durch andere familiäre oder gesundheitliche Faktoren erklärt werden können.
Dennoch bleibt mein Rat unverändert: Nehmen Sie Medikamente während der Schwangerschaft niemals aus Gewohnheit ein – aber verzichten Sie auch nicht aus Angst auf eine notwendige Behandlung.
Gemeinsam lässt sich in fast allen Situationen eine sichere und verantwortungsvolle Lösung finden.
Warum Absetzen oft die größere Gefahr ist – Nutzen und Risiken abwägen.
Warum Sie nicht einfach „da durch müssen" – Ursachen und Behandlung.
Warum es keine sichere Alkoholmenge gibt – vollständiger Verzicht.
Wenn eine medizinische Notwendigkeit besteht, gilt Paracetamol nach aktuellem Kenntnisstand weiterhin als das bevorzugte Schmerzmittel während der Schwangerschaft. Die Einnahme sollte jedoch immer mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt abgestimmt werden.
Aktuelle große Studien konnten nach Berücksichtigung familiärer Einflussfaktoren keinen eindeutigen ursächlichen Zusammenhang nachweisen.
Medikamente sollten grundsätzlich nur bei medizinischer Notwendigkeit eingenommen werden. Ein genereller Verzicht aus Angst ist nach heutigem Wissensstand jedoch nicht erforderlich.
Das hängt von der Ursache und der Stärke der Beschwerden ab. Gerade hohes Fieber oder starke Schmerzen sollten ärztlich abgeklärt werden. Gemeinsam kann dann entschieden werden, ob eine Behandlung sinnvoll ist.
Über den Autor
Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. In meiner Privatpraxis in Wilhelmshorst bei Potsdam nehme ich mir Zeit für Ihre individuellen Anliegen – persönlich, diskret und auf Basis aktueller medizinischer Erkenntnisse.
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